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Leiden University

 

Mon Dieu, ayez pitié de moi et de ton pauvre peuple


französische Variante: Mon Dieu, ayez pitié de mon âme et de ton pauvre peuple

Übersetzung aus dem Französichen: Mein Gott, hab Mitleid mit mir und mit deinem armen Volk; oder: Mein Gott, erbarme dich meiner und deines armen Volkes

Weitverbreitet ist auch die Variante: de ce pauvre peuple, mit diesem armen Volk

Dies waren laut Überlieferung die letzten Worte von Prinz Wilhelm von Oranien, nachdem er von der tödlichen Kugel seines Mörders Balthasar Gerards getroffen worden war. Eine Schwester des Prinzen fragte ihren Bruder noch, ob er seine Seele in die Hände von Jesus Christus legen wolle, worauf der Prinz mit "ja" antwortete und starb.

Für die letzten Worte des Prinzen gilt, was für alle "letzten Worte" gilt, nämlich dass äuerste Vorsicht geboten ist, die Worte als authentisch zu betrachten. Der Ausspruch kann dem Prinzen wegen seines propagandistischen Wertes zugeschrieben worden sein: Er suggeriert, dass der Prinz bis zum Ende eher an das Volk als an sich selbst gedacht habe und dass er als gläubiger Mensch gestorben sei. Auf einem Portrait des Prinzen im Mauritshaus in Den Haag sind diese Worte am oberen Rand des Rahmens zu lesen. Der letzte Biograph des Prinzen wies auf die Übereinstimmung dieser Worte mit früheren Aussprüchen und Schriften Oraniens hin. (K.W. Swart 1994, S. 253) Das ist in der Tat wahr - die letzten Worte gleichen in Inhalt und Tendenz ungefähr den Schlusssätzen von Oraniens Apologie.1 Trotzdem muss das kein Beweis für die Authentizität des Gesprochenen sein; die Hofprediger und Textschreiber hatten ja auch das ihre zur Apologie beigetragen. Warum dann nicht auch hier? Ein Argument für die Authentizität ist möglicherweise die Tatsache, dass es für eine Fälschung kaum Gelegenheit gab. Schon einige Stunden nach dem Mord am Prinzen fand in Delft die Versammlung der Generalstaaten statt. In dieser Versammlung wurden die letzten Worte des Prinzen im Protokoll festgehalten. Die Idee, dass sich die vielköpfige Versammlung die Worte selbst ausgedacht haben könnte, muss angesichts der Tatsache, dass es in diesen Jahren so viel Kritik an Oranien gab, dass seine Gegner die Dinge bestimmt nicht schöner darstellen wollten, als sie in Wirklichkeit waren, ausgeschlossen werden
Sollten die Worte nicht vom Prinzen stammen, dann hätte im Chaos der Ereignisse ein kompetenter Urkundenfälscher anwesend sein müssen, der a) über genügend Geistesgegenwart verfügte und erkannte, dass man letzte Worte erfinden sollte; und b) über so viel Talent verfügte, sich Worte auszudenken, die man dem Prinzen zuschreiben könnte. Auerdem hätte der Urkundenfälscher das Dutzend herbeigeeilter Anwesender von der Wichtigkeit überzeugen müssen, die von ihm erfundenen Worte als die des Prinzen auszugeben, und es hätte die Geheimhaltung dieses Betrugs beschlossen werden müssen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich in Holland niemals etwas geheim halten lie, wäre es dann sehr verwunderlich, dass in diesem Fall keine Gegenstimmen oder Widersprüche überliefert worden sind. In den achtziger Jahren misslang so ziemlich alles, was misslingen konnte, und dann sollte gerade diese Fälschung meisterhaft gelungen sein? Die Fälschungstheorie ist wahrscheinlich eine gewagtere Hypothese als die Annahme, dass die Worte von Wilhelm von Oranien selbst stammen. Die Wahrheit wird man nicht mehr mit absoluter Sicherheit feststellen können, und der Wunsch ist oft Vater des Gedankens sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern der Theorie.
In einer Dokumentation des niederländischen Fernsehsenders "Nederland 3" vom 28. Mai 2001, die dem Grabmal des Prinzen gewidmet war, folgte Prof. Dr. Henk van Nierop dieser Argumentation und erklärte, von der Echtheit der Worte des Prinzen überzeugt zu sein.

Quellen

Resolutiën van de Staten van Holland, 10. Juli 1584
Resolutiën van de Staten-Generaal, 10. Juli 1584 (Rijks Geschiedkundige Publicatiën, grote Serie, 43. Bd.), S. 655

Literatur

K.W. Swart, Willem van Oranje en de Nederlandse Opstand 1572-1584. ('s-Gravenhage 1994)

Charles Vergeer, `De laatste woorden van prins Willem', Maatstaf 28 (1981) nr. 12 (Dezember) 67-100

P. Scherft, Het sterfhuis van Willem van Oranje (Leiden, 1966), These 1.

Robert Fruin, `De laatste woorden van prins Willem I', De Gids 59 (1895) I, 178-179; neu aufgelegt in: der, Verspreide Geschriften (10 dln., 's-Gravenhage, 1900-1905) III, 86 Funote.
 

Aus dem Niederländischen von Iris Ouder und Sarah Schlüter, Wien
 


1 Dokument, in dem sich der Prinz offiziell vom spanischen König distanziert.

Last Modified: 23-4-2010 19:23